Die wahre Größe der Kontinente – eine jahrhundertealte Kartenillusion.

0:00

Artikel anhörenAutomatisch generierte Sprachausgabe

Seit Jahrhunderten prägt eine Karte unser Bild von der Welt – und zwar auf irreführende Weise. Die sogenannte Mercator-Projektion, entworfen 1569 vom flämischen Kartografen Gerardus Mercator, wurde zum weltweiten Standard für Navigation, Bildung und Atlanten. Ihr Einfluss war enorm – doch sie zeigt die Erde verzerrt.

Mercator-Projektion der Weltkarte mit Flächenverzerrung

Vom Navigationswerkzeug zum Weltbild

Mercators Karte war ursprünglich ein technisches Hilfsmittel für Seefahrer, kein geografisch korrekter Weltplan. Ihr großer Vorteil: Auf dieser Projektion verlaufen Kompassrouten als gerade Linien – ein unschätzbarer Vorteil für die Navigation auf hoher See im 16. Jahrhundert.

Um diesen Effekt zu erzielen, musste Mercator jedoch die Erdoberfläche mathematisch strecken. Je weiter ein Gebiet vom Äquator entfernt liegt, desto stärker wird es vergrößert. So bleiben Formen und Richtungen erhalten, aber die tatsächliche Flächengröße geht verloren.

Mit der Zeit setzte sich die Mercator-Projektion auch außerhalb der Seefahrt durch – weil sie rechteckig, leicht zu drucken und einfach zu verstehen war. Im 20. Jahrhundert hing sie in fast jedem Klassenzimmer der Welt, lange nachdem ihr ursprünglicher Zweck längst überholt war.

Wie stark die Verzerrung wirklich ist

Die Unterschiede auf der Mercator-Karte sind gravierend:

Diese visuellen Täuschungen prägen das Weltbild vieler Menschen. Sie lassen Länder des Nordens größer und bedeutender erscheinen – und Regionen des Südens kleiner, als sie tatsächlich sind.

Karten sind nie neutral

Karten sind nicht nur Darstellungen, sondern auch Interpretationen. Jede Projektion betont bestimmte Aspekte und verzerrt andere. Wenn eine fehlerhafte Weltkarte über Generationen hinweg als Standard dient, beeinflusst sie unbewusst, wie wir globale Zusammenhänge, Machtverhältnisse und Entfernungen wahrnehmen.

Wissenschaftler und Pädagogen weisen daher seit Jahren darauf hin, dass Kartendarstellungen immer auch kulturelle und politische Botschaften transportieren – bewusst oder unbewusst.

Moderne Alternativen für ein gerechteres Weltbild

Um diese Ungleichgewichte zu korrigieren, haben Kartografen neue Projektionen entwickelt:

Gall-Peters-Projektion zeigt echte Flächenverhältnisse der Kontinente
Im Gegensatz zur Mercator-Karte bewahrt die Gall-Peters-Projektion die echten Flächenverhältnisse der Kontinente und bietet damit ein gerechteres Weltbild
Winkel-Tripel-Projektion als ausgewogene Weltkarte
Bildnachweis: „Winkel-Tripel-Projektion“ – erstellt von NASA, gemeinfrei (Public Domain).
Quelle: Wikimedia Commons – Datei „Winkel-tripel-projection.jpg

Keine Projektion ist perfekt – aber viele sind ehrlicher als die Mercator-Karte, wenn es darum geht, die tatsächlichen Größenverhältnisse der Erde zu zeigen.

Warum das heute noch wichtig ist

Auch in Zeiten digitaler Karten bleibt das Thema relevant. Viele Online-Dienste, darunter Navigations-Apps, verwenden weiterhin Varianten der Mercator-Projektion – aus praktischen Gründen. Dadurch bleiben die alten Größenverzerrungen bestehen.

Wer sich dieser Täuschung bewusst ist, sieht die Welt realistischer: Afrika, Südamerika oder Asien erscheinen in ihrer wahren Dimension – und die globale Perspektive wird ausgewogener.

Fazit:

Die Mercator-Projektion war ein Meilenstein der Kartografie, aber auch eine jahrhundertealte Illusion. Sie machte die Navigation einfacher, verzerrte jedoch das Bild der Erde. Wer die Grenzen dieser Karte versteht, erkennt, dass unser Blick auf die Welt nicht immer objektiv ist – und dass Geografie mehr mit Wahrnehmung zu tun hat, als man denkt